Sie haben Bildhauerei studiert, sind heute aber Professor für Zeichnen. Wie hat sich Ihre künstlerische Tätigkeit entwickelt?

Nach dem Studium habe ich viel skulptural gearbeitet, aber die Professur für Zeichnung kann ein echter Zeitfresser sein. Skulptur ist durch Raum, Größe und Material bestimmt, dafür braucht man Zeit und Kontinuität. Deshalb liegt mein Fokus nun eher auf Papierarbeiten, also Zeichnen und Collagieren. Mich interessiert aber, Materialien immer wieder neu zu verarbeiten, mich selbst zu überraschen, Dinge zu machen, die ich noch nicht gemacht habe und mir dann zu überlegen: Wie geht es weiter? Also eher eine experimentelle, offene Richtung.

Wie entsteht Ihre Kunst? 

Manchmal gibt es kurzfristige Aspekte wie persönliche Bedingungen oder äußere Einflüsse, aufgrund derer etwas Unvorhergesehenes eintritt. Meine Arbeiten passieren aber selten im ersten Moment, sondern über eine zeitliche Auseinandersetzung. Dazu gehört logischerweise auch Disziplin. Manchmal arbeite ich über mehrere Stunden und dann entstehen bestimmte Situationen und ein oder zwei Tage später sehe ich, wie etwas liegt. Das ist der reine Zufall. Das kann ein Duft sein, ein Klang oder eine Stimmung. In der künstlerischen Auseinandersetzung spielt es auch eine große Rolle, dass die Erfahrung mit dem Material und der Form das Auge und den Körper trainiert. Durch diesen Erfahrungswert entsteht ein Bauchgefühl, durch das ich meine ästhetischen Entscheidungen treffe. Was mich seit Jahren interessiert, ist die Collage, das heißt Fundstücke und verschiedene Materialien zu legen. Oft arbeite ich mit Schichten, füge etwas hinzu oder nehme etwas weg und taste mich so an ein labiles Gleichgewicht von Fläche und Form ran, bis es für mich stimmig ist. Ich ärgere mich manchmal über mich selbst, wenn ich die Dinge zu voll mache, wobei das nur eine ästhetische Diskussion über Leere und Fülle ist, die mich nervt. Und das will ich eigentlich gar nicht und dann hau‘ ich wieder drauf. 

Seit einigen Monaten haben Sie ein neues Atelier. Wie beeinflusst das Ihre Kunst? 

Nach meinem Umzug muss ich jetzt anfangen, den Raum mit eigener Geschichte energetisch aufzuladen. Zuerst habe ich vier Tische so hingestellt, dass ich in einem Arbeitszentrum mit meinen Abläufen parallel gut arbeiten kann. Durch die Addition der Einzelstücke entsteht an der Wand eine Bild-Raum-Situation. Die Weite des Ateliers und die Größe der Wand relativieren die Dimensionen der Werke. Das finde ich sehr angenehm. 

Welche Rolle spielt Farbe in Ihrer Kunst? 

Mit Farben habe ich es überhaupt nicht, obwohl es ab und zu auftaucht. Einmal habe ich einem Studenten, der dringend Geld brauchte, eine Kiste mit Sprayfarbe abgekauft. Gelegentlich sprühe ich damit Schablonen ab, obwohl ich manche dieser Farben furchtbar finde. Und dann frage ich mich, warum. Welche ästhetische Form trage ich mit mir herum? Denn eigentlich hat jede Farbe ihre Existenzberechtigung. 

Haben Sie ein Werk, auf das Sie besonders stolz sind? 

Nein, habe ich nicht. Ich glaube, es ist ein Treiber, dass man nicht zufrieden ist und dass es weitergehen muss. Es gibt schon Zwischenschritte, da gelingt mir auf eine besondere Art etwas, aber manchmal komme ich über längere Zeit nicht weiter. Als Zeichner habe ich es einfach, denn Zeichnung ist Linie und dann fange ich einfach an, Linien zu ziehen. Und über die Tätigkeit des Tuns komme ich wieder in eine körperliche Aktion. 

Ist Ihre Kunst politisch? 

Ich arbeite nicht mit einer Theorie über meine Bilder. Aber ich könnte mich zu der These versteigen, dass Kunst an sich politisch ist. In der Kunst scheint ein Element von Anarchie und Unvorhersehbarkeit zu liegen, das autoritären Systemen Angst macht. Allen. Überall. Jede Art von künstlerischer Tätigkeit, die in die Zukunft schaut und nicht rückwärtsgewandt ist, hat diese Art von Sprengkraft, die unsere Vorstellungen auseinander hebelt. Ich glaube, es gibt keine Vorstellung, die richtig ist, sondern nur Angebote, die so vielfältig wie irgend möglich sein sollen, also so vielfältig wie ihr seid. Und so vielfältig muss sich Kunst aufstellen. Es macht mich richtig stolz, dass ich in so einem Gebiet unterwegs bin, das so ein Potential hat und wenn ich einen kleinen Teil dazu beitragen kann, wäre das schön. 

Beeinflussen sich Ihre Kunst und die Arbeit mit Ihren Studenten wechselseitig? 

Ich finde den Diskurs über Kunst auf Augenhöhe wichtig. Ich bin ein Subjekt und Kunst ist immer subjektiv, deshalb brauche ich meine persönliche Arbeit auch als Nährboden, wie ein Lebensmittel, da ziehe ich Dinge raus und gebe sie unmittelbar weiter. Ich möchte, dass meine Studenten dieses Feuer, welches für die Kunst brennt, bei mir spüren. Darin sehe ich den eigentlichen pädagogischen Auftrag. Genauso überraschen mich meine Studenten mit neuen Bildfindungen. 

Welche Ratschläge haben Sie für junge Künstler? 

Bloß nicht! (lacht) Überlege es dir gut! Also wenn ich heute zurückblicke, war ich total naiv und ahnungslos, was da auf mich zukommt! Und das war mein großes Glück! Egal, für was du dich entscheidest, der Beweggrund muss dich richtig tief tragen. Unterschätze nicht, wie viel Disziplin du brauchst! Auch wenn du selbst keine Ahnung hast, wo du hin willst und was du machen willst, musst du Lust haben etwas auszuprobieren. Man sieht relativ schnell, wie tief man kommt und dieses Graben bringt auch Lust auf mehr. 


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